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2010/05/08

doch wird aus neuem Stein die neue Welt

Filed under: 8.Mai,Geschichte,Literatur — dienagashi @ 02:04

Kein Blick zurück, kein Zauber

Wie in des Apfels Kernhaus der braune Kern, so schwoll
bis jetzt in meinem Herzen all der geheime Groll,
ich wußte, ein Schwert-Engel geht mit in meinem Rücken,
paßt auf und schützt mich notfalls vor Widrigkeit und Tücken.
Wer eines wilden Morgens jedoch erwacht darüber,
daß alles eingestürzt ist, sich aufmacht wie ein trüber
Spuk, weg von seinem Krimskram, und ist mehr nackt als nicht,
in dessen schönem Herzen mit leichten Sohlen bricht
nachdenklich, reif und wortkarg die Demut auf, geläutert,
empört er sich und meutert, dann nicht mehr seinetwegen,
dem Fernglanz freier Zukunft eilt er nun schon entgegen.

Ich hatte nichts, und nichts mehr wird mir gehören, kein
Besitz, im reichen Leben ein Weilchen Träumer sein
genüge, hier, nicht Zorn mehr, nicht Rache fällt mir ein,
wird mein Gedicht verboten, – doch wird aus neuem Stein
die neue Welt, ihr klingt dann im Fundament mein Wort,
was hinter mir liegt, lebe ich schon inwendig fort,
ich schaue nicht mehr rückwärts, wohl wissend, mich behütet
kein Blick zurück, kein Zauber, – ein Unheilsmittel brütet
ob mir, winkt ab, Freund, kehr mir den Rücken, sieh nicht her.
Jetzt ist, wo einst Engel mit dem Schwert stand,
vielleicht gar niemand mehr.

30. April 1944

Miklós Radnóti schrieb am 30. April 1944 das Gedicht in sein Notizbuch Bori notesz (Notizen aus Bor)
Er sehnte sich bis zuletzt dem Fernglanz freier Zukunft entgegen.

Heute begehen wir zum 65. Mal den Tag der Befreiung, das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.
Wir sollten jeden Tag aufs Neue bewusst die freie Gegenwart leben!

Er starb am 9. November ’44 in Bor, wo jetzt seine Statue steht, ohne Sockel, auf der Erde..

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1 Kommentar »

  1. radnóti miklós: gewaltmarsch

    Verrückt, wer niederstürzt dann aufsteht, weitergeht,
    und als wandelnder schmerz füß’ und knie bewegt
    und trotzdem geht, als ob ihn flügel tragen,
    und vergebens ruft der graben, – zu bleiben wagt er nicht,
    und wenn du fragst: warum? erzählt er noch vielleicht,
    daß ihn seine Frau erwartet und ein weisrer, schöner tod.
    Verrückt, du herzensguter, weil dort anstatt des heims
    seit langem schon versengter wind sich spielt,
    die mauern eingestürzt, der zwetschkenbaum zerbrochen
    und angsterfüllt, geschwollen die heimatliche nacht.
    Oh, wenn ich glauben könnt, daß nicht bloß in meinem herz
    all das, was zählt, verborgen und eine statt, wohin
    zurück ich kommen kann ‘s noch gibt; wo, wie dereinst vorm haus,
    des friedens bienen summen, während marmelade kühlt,
    und des späten sommers stille sich sonnt auf den verträumten gärten,
    die früchte in den kronen schaukeln nackt im wind,
    und Fanni vor der roten hecke mit ihrem blonden schopf
    und schatten malt bedächtig der träge nachmittag, –
    und womöglich doch kein traum! so voll lacht heut der mond!
    Mein freund, bleib stehn schreie mich an! und ich werd weitergehn!

    Bor,
    15. September 1944.

    (Übers.: Clemens Prinz)

    Kommentar von Clemens Prinz — 2010/05/13 @ 20:55 | Antwort


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